Ubers neuer AV-Plan: Vom Konkurrenten zum Betriebssystem

Gerade als man dachte, Uber hätte seine autonomen Dämonen endlich exorziert, stellt sich heraus, dass sie den Geist einfach nur behalten haben, um die Maschine zu steuern. Heute hat der Ride-Hailing-Riese den Start von Uber Autonomous Solutions (UAS) bekannt gegeben – eine neue Sparte, die sich weniger wie ein Produkt und mehr wie eine Kriegserklärung anfühlt, die mit APIs statt mit Blech ausgefochten wird. Nachdem Uber 2020 seine Cash-Verbrennungsanlage Advanced Technologies Group (ATG) für schlappe 4 Milliarden Dollar in Anteilen an Aurora verscherbelt hatte, stürmt das Unternehmen nun zurück ins Autonomie-Geschäft. Doch diesmal bauen sie keinen besseren Roboter, sondern bieten sich als das Zentralnervensystem für alle anderen an.

Dieser Schritt, der mit dem üblichen korporativen Getöse verkündet wurde, ist ein Pivot, der so scharf ist, dass man ein Schleudertrauma bekommen könnte. Uber baut keine Autos; Uber macht der autonomen Zukunft ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann. Die neue Service-Suite ist im Grunde ein “Robotaxi-Baukasten”, der AV-Entwicklern alles bietet, was sie brauchen, um tatsächlich Geld zu verdienen: Zugang zu Ubers gigantischem Nachfragenetzwerk, Flottenmanagement-Tools, Versicherungen, Finanzierungen und sogar ein standardisiertes User Interface für den Innenraum. Es ist ein klassischer Plattform-Move – und ein verdammt cleverer dazu. Warum Milliarden verbrennen, um Level-5-Autonomie zu knacken, wenn man ein Dutzend andere Firmen das Geld verpulvern lassen kann, um ihnen dann eine Maut für die Nutzung der eigenen digitalen Straßen abzuknöpfen?

Eine Geschichte voller Hardware-Geister

Vergessen wir nicht: Ubers erster Ausflug in die Autonomie war eine Katastrophe epischen Ausmaßes. Es begann mit dem Abwerben von Forschern der Carnegie Mellon University, eskalierte mit der rechtlich höchst dubiosen Übernahme von Otto (was zu einer massiven Klage von Waymo führte) und gipfelte im tragischen Tod einer Fußgängerin in Tempe, Arizona, im Jahr 2018. Das Programm war ein Magnet für schlechte Presse und ein schwarzes Loch für Kapital; Berichten zufolge wurden bis zu 200 Millionen Dollar pro Quartal verfeuert. Der Verkauf der ATG an Aurora war damals nicht nur ein strategischer Rückzug, sondern eine finanzielle Notwendigkeit.

Genau diese Vorgeschichte macht das neue Kapitel so spannend. Uber hat auf die harte Tour gelernt, dass der Bau des gesamten autonomen Stacks – vom Silizium bis zur Bordsteinkante – ein Himmelfahrtskommando für ein Unternehmen ist, dessen Kernkompetenz eigentlich in einem verdammt guten Vermittlungsalgorithmus liegt. Unter CEO Dara Khosrowshahi hat Uber nun seine wahre Identität akzeptiert. Uber ist kein Autobauer. Uber ist kein Robotik-Unternehmen. Uber ist ein Netzwerk, und mit Uber Autonomous Solutions setzt das Unternehmen alles auf diese Karte.

„Autonome Technologie hat das bemerkenswerte Potenzial, den Transport sicherer und erschwinglicher zu machen“, ließ CEO Dara Khosrowshahi in der offiziellen Mitteilung verlauten. „Mit Uber Autonomous Solutions machen wir diese hart erkämpften Kompetenzen für unsere Partner nutzbar.“

Das PaaS-Manöver (Platform-as-a-Service)

Die neue Sparte ist im Wesentlichen „Platform-as-a-Service“ (PaaS) für Mobilität. Die Zielgruppe sind AV-Entwickler, die derzeit mit der monumentalen Herausforderung kämpfen, nicht nur ihre Fahrsoftware zu perfektionieren, sondern auch einen kompletten Kundenservice aus dem Boden zu stampfen. Uber Autonomous Solutions bietet hier eine verlockende Abkürzung.

Die Suite ist in drei strategische Säulen unterteilt:

  • Infrastruktur & Daten: Zugang zu Ubers gewaltigen Mapping-Daten und potenziell sogar KI-Trainingsdatensätzen aus dem globalen Betrieb.
  • Flottenbetrieb: Ein komplettes Toolkit für den Betrieb eines Robotaxi-Business, inklusive „Mission Control“-Software, Pannenhilfe sowie Versicherungs- und Finanzierungsoptionen.
  • User Experience: Eine standardisierte Software-Schnittstelle im Fahrzeug, über die Fahrgäste ihre Fahrt steuern können – für ein konsistentes Erlebnis, egal in welcher Hardware sie gerade sitzen.

Diese Entkoppelung der Dienste ist ein direkter Angriff auf die vertikal integrierten Modelle von Playern wie Waymo und Cruise. Zudem wirft es einen interessanten Stein in den Garten von Tesla, deren Aktie heute prompt nachgab, als die Anleger die Nachricht verdauten. Während Elon Musk darauf abzielt, das Auto, die Software und das Robotaxi-Netzwerk zu besitzen, lädt Uber alle anderen zur Party ein – solange die Party in Ubers Haus stattfindet und man brav Eintritt bezahlt.

Ein Ökosystem der „Frenemies“

Diese Strategie entstand nicht im luftleeren Raum. Uber hat im Stillen ein Portfolio an Partnerschaften mit diversen AV-Firmen aufgebaut, von Waymo selbst bis hin zu Motional, Nuro und WeRide. Was einst wie unzusammenhängende Experimente wirkte, sieht nun aus wie der Beta-Test für diese große Plattform-Strategie. In Austin hat Uber bereits Waymo-Fahrzeuge im Einsatz und plant die Expansion in weitere Städte. Khosrowshahi merkte dazu an, dass die autonomen Fahrzeuge „zu 99 % beschäftigter“ seien als ihre menschlich gesteuerten Pendants.

Der Start von UAS formalisiert diesen Ansatz und macht Uber vom bloßen Partner zum unverzichtbaren Versorgungsunternehmen. Für ein AV-Startup liegt der Vorteil auf der Hand: Die Kommerzialisierung ist derzeit das Nadelöhr der Branche. Ein perfektes selbstfahrendes Auto bringt nichts, wenn man es nicht effizient vor zahlende Kunden bekommt. Uber bietet dafür eine schlüsselfertige Lösung und verspricht, die Fahrzeugauslastung im Vergleich zu Standalone-Plattformen um bis zu 30 % zu steigern.

Die spannende Frage ist, was das für das Machtgefüge der Branche bedeutet. Es schafft einen gewaltigen Anreiz für AV-Entwickler, auf Ubers Plattform aufzusatteln, statt gegen sie zu konkurrieren. In diesem Szenario sieht die Zukunft der Mobilität vielleicht nicht wie ein Kampf zwischen Uber, Waymo und Tesla aus. Stattdessen landen wir in einer Welt, in der von Waymo gesteuerte, von Motional gebaute und von Nuro gelieferte Fahrzeuge alle auf dem Betriebssystem von Uber laufen. Es ist eine kühne, fast schon beängstigende Vision, in der Uber seine autonomen Ambitionen nicht dadurch verwirklicht, dass es das Rennen gewinnt, sondern indem es zur Rennstrecke selbst wird.